Biologie des erlebens und bejahens*

Mit seiner „biología del amar y del conocer“ überträgt der Biologe und Neuro-Philosoph Humberto Maturana sein system-theoretisches Konzept der Autopoiese auf das menschliche Miteinander im alltägliche Leben. Im englischen Sprachraum heißt sie „biology of knowing and loving“ und ich nenne sie „Biologie des erlebens und bejahens*“.

In dem unten benannten Interview „Ethik einer Theorie – Biologie der Liebe“ sagt Maturana: „Wann immer ich ein Verhalten wahrnehme, dass dazu führt, dass jemand sich als ‚legitime:r andere:r‘ in Koexistenz mit anderen bejaht erlebt, sage ich: Hier passiert lieben.*“

Diese Beschreibung funktioniert für mich, Martin Bonensteffen, sehr gut, auch und gerade im Kontext von ACT, GFK & Co. … und mir gefällt die Idee, zu einer lebensbejahenden Kultur beizutragen.

*Die Verben „erleben“, „bejahen“ und „lieben“ schreibe ich in diesem Zusammenhang konsequent klein, weil ich den Fokus auf das Tun, auf den prozesshaften Verlauf eines solchen Verhaltens richten will. Dass das an manchen Stellen eine kleine Irritation auslöst, nehme ich in Kauf … möglicherweise mögen es manche Leser:innen es ja als Einladung nutzen, sich an den prozesshaften Charakter all unseres menschlichen Seins und Tuns zu erinnern.

Außerdem nutze ich die Verben „bejahen“ und „lieben“ gleichbedeutend, denn ich verstehe Humberto Maturanas Idee so: „Wenn ich jemanden als lebendigen Menschen, als legitime:n andere:n, bejahe, dann liebe ich.“

Ethik einer Theorie – Biologie der Liebe

Eine ausführliche Beschreibung dieser Idee findet sich in dem Buch: „Vom Sein zum Tun – Die Ursprünge der Biologie des Erkennens“ im letzten Abschnitt unter der Überschrift: „Ethik einer Theorie – Biologie der Liebe“ — 2002 erstmals im Carl-Auer Verlag veröffentlicht, seit April 2018 in der 4. Auflage erhältlich. Link zum BuchLink zur LeseprobeLink zum Inhaltsverzeichnis

In dem Gespräch befragt Bernhard Pörksen Humberto Maturana zu seinen Ideen und Erkenntnissen. Gemeinsam beleuchten sie dabei, die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens und unserer ‚Wahrheiten‘ und entwickeln – konkret, anschaulich und fabulierlustig – welche ’neuen Möglichkeiten‘ sich aus einem ‚autopoietischen Denken‘, für unser menschliches Miteinander entwickeln lassen.

Ich, Martin Bonensteffen, habe diesen Text für eine leichtere Zugänglichkeit etwas überarbeitet. Zum einen habe ich, wie oben erwähnt, das Substantiv „Liebe“ in Humberto Maturanas Antworten in eine Form von „bejahen“ und „lieben“ übertragen. Zusätzlich habe ich Fremd- und Fachwörter in ‚Alltagssprache‘ übersetzt so wie Schachtel-Sätze so umgestellt, dass sie leichter lesbar werden. Das alles tue ich in der Hoffnung, dass es der Verbreitung dieser Idee dienlich ist.

Da die rechtliche Situation mit dem Carl-Auer Verlag noch nicht abschließend geklärt ist, kann ich den von mir überarbeiteten Text hier momentan nur unter Vorbehalt online stellen.

Zugleich lade ich alle Leser:innen herzlich ein, mit mir in einen Austausch zu kommen — über diesen Text, vor allem aber über die Ideen, die er vermitteln will.

Homo sapiens amans-amans oder wie lieben autopoietische Systeme?

Torben Lohmüller arbeitet diese Ideen in seinem Essay von 2017 weiter aus und stellt vor dem Hintergrund der jüngeren Schriften Humberto Maturanas, die Frage nach der Wirkung der Gestaltung des Miteinanders von autopoietischen Systemen in Beratungskontexten. Dabei hebt er mit Blick auf das Konzept der Autopoiese den ganz eigenen Weg im Denken Maturanas hervor, der hierzulande durch die Prominenz der luhmann’schen Systemtheorie aus der Diskussion geraten ist. Und er zeigt, wie die bejahende Haltung, verstanden als bedingungslose Legitimierung des Anderen, der entscheidende Wirkfaktor ist, für die Praxis der „befreienden Gespräche„*, die Maturana in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Ximena Davila entwickelt hat.

*Anm. MB: Im chilenischen heißt es hier ‚conversaciones que liberan‚, was Klaus Ludewig, der mit den Ideen Maturanas sehr vertraut ist, vermutlich mit „befreiend konversieren“ übersetzen würde … vielleicht würde er auch „befreiend linguieren“ vorschlagen … und möglicherweise funktioniert auch die Wortneuschöpfung: „befreiend sprechhören“?

Link zum Essay „Homo sapiens amans-amans oder wie lieben autopoietische Systeme?„, Torben Lohmüller, 2017

Biologie kultureller Entwicklung

Welche Ideen für eine ‚kulturelle Transformation‘ aus dieser Sichtweise möglicherweise entwickelt werden könnten, darüber spricht Humberto Maturana mit Otto Scharmer in dem Interview „Love is: letting appear“ vom Juni 2020.

In eine ähnliche Richtung ging auch das spanischsprachige Event „Cultural Biology“ vom Mai 2020. Die gekürzte und bearbeitete Transkription der Veranstaltung, „A New World of Love,“ fasst Statements und Ideen von Humberto Maturana, Ximena Davila, Otto Scharmer und Peter Senge zusammen.

Eine bei beiden Events mehrfach angesprochene ‚Beobachtung‘ für systemische Transformation lautet: „Wenn du unterscheidest, was du bewahren willst, verändert sich alles andere, um das herum, was du bewahrst.“

Das führt mich zu den Fragen: „Wie will ich leben? Was will ich in meinem täglichen Leben bewahren? Und was möchte ich dort vielleicht nicht (immer) wieder aktivieren bzw. lebendig werden lassen?“

Lebensbejahende Kultur

In Kulturen, in der die Menschen einander ‚bejahend‘ begegnen, ist Vertrauen das vorherrschende Gefühl und lebendige Kooperation ist überall sichtbar. Weiter ist dort zu beobachten:

  • „Es ist hinreichend verfügbar … für alle!“ ist die Grunderzählung … ‚Flussdenken‘ überwiegt … und Menschen kümmern sich, … sie wollen zum Leben beitragen und sich gegenseitig unterstützen … und sie tun dies, wann immer sie eine Chance dazu bekommen.
  • Die Grundhaltung ist lebensbejahend, im Sinne von: Ich will anderen als lebendigen Menschen begegnen, als im autopoietischen Sinne ‚legitimen Anderen‘.
  • Menschen gehen davon aus: „Alles, was gesagt wird, wird von jemand (von einem:r Beobachter:in der eigenen Innen-Welt) gesagt!“ und begegnen einander so als, lebendigen, gleichwürdigen Menschen (s.o.)
  • Wohlwollendes, mitfühlendes und bejahendes Interesse am Innen-Erleben prägen die Beziehungen; zu mir selbst wie auch zu anderen.
  • Die Bedürfnisse und Werte von allen Beteiligten sind gleich wichtig / würdig / sinn- & wert-voll.
  • Ich wähle, wie ich auf das antworte / re-agiere, was hier und jetzt in mir und um mich herum passiert. Ich lebe selbst-bestimmt & eigen-/ich-ver-Antwort-lich und ich bin bereit, die Folgen meines Tuns für andere mit zu bedenken.
  • Menschen machen fortwährend die Erfahrung: Lernen passiert durch Ausprobieren verbunden mit aufrichtigem, emphatischem Wirkungs-Feedback (von innen motiviert).
  • Sie teilen die Idee: „Das Leben lässt sich gut beschreiben, als ein unaufhörlich fortdauernder Ablauf, der sich ständig selbst organisiert, erhält und entwickelt.“
  • Flexible Strukturen fördern lebendige Selbst-Organisation, tatkräftige, mitwirksame Kooperation und lebensdienliche Kommunikationsmuster.
  • Privilegien dienen dem Gemeinwohl und lebendiger Entwicklung
  • Die Kultur wächst und entwickelt sich durch zyklisches Beschreiben, Vermuten und Abgleichen von Erleben: „Ich erlebe … könnte es sein …?“

Da will ich hin … wer kommt mit?

 

aktualisiert am: 13.02.2022